Die Liebe und der Roboter

Alles ist aufgeräumt, das Bett gemacht, Huitzilopochtli versteckt. John ist glücklich und aufgeregt: Wird Marie ihm verzeihen?

Frauen wie Marie gibt es eigentlich nur in Anzeigen von Partneragenturen: Gut aussehende, virtuose Violinistin, weltberühmt und einfühlsam. Aber Marie gibt es wirklich.

Als John Marie zum ersten Mal sieht und hört, ist er hin und weg, nicht nur wegen ihres Violinspiels. Doch der prominente Herzchirurg, ein Genie der minimalinvasiven Chirurgie, traut sich nicht, sie an-zusprechen, schämt sich seiner dunklen Seite.

Marie hat seine Blicke bemerkt, geht nach dem Konzert auf ihn zu, lädt ihn einfach zu sich ein. Sie reden über das Vorkommen und die Wirkung von Geigen in Märchen. Dann reden sie nicht mehr.

Ein paar Begegnungen später sagt sie: „Je mehr man jemanden kennt, desto mehr liebt man ihn.“ Er bezweifelt das, schlägt ein Fünf-Sterne-Hotel vor. Marie besteht darauf, endlich sein Zuhause ken-nenzulernen.

John warnt, es sei ungemütlich bei ihm. Marie sagte: „Wo du bist, ist es gemütlich.“ Er gibt seinen Widerstand auf. Drei Tage lang versucht er, Dinge wegzuwerfen, bekommt einen Gang von der Tür zum Bett frei.

Trotz seiner Warnung weicht Marie überrascht zurück, als John die Tür öffnet. Aber John hat ihr Lieb-lingsstück aufgelegt, und sie nimmt all ihre Liebe zusammen. Sie schaffen es ins Bett. Die Liebe lebt.

Bis Marie in ein schimmliges Käsebrötchen greift, das John unterm Kopfkissen vergessen hat. Ange-widert zieht sie sich an. John beschwört sie, gelobt Besserung. Sie geht.

John, verzweifelt, muss zu einem Kongress für Herzchirurgie in Mexico-Stadt, wo er als Hauptredner zum Thema „Minimal-invasive Herzklappenchirurgie der Aorten- und Mitralklappe“ verpflichtet ist. Er steht den Auftritt durch, der Beifall will nicht enden. John bleibt verzweifelt.
Da klopft ihm jemand auf die Schulter. Señor Garcia, Neuroinformatiker und Bio-Kybernetik-Spezialist, will einen Roboter mit einem Mechatronik-Herzen entwickeln, das auf Anstrengungen oder Stress ähnlich dem menschlichen reagiert. Er wünscht Johns Rat.

In Señor Garcias Institut für Künstliche Intelligenz wimmelt es von mehr oder weniger vollendeten Mensch-Maschinen. Ein vielarmiger Personal-Roboter begrüßt die Herren auf Spanisch, räumt Bücher zur Seite, serviert Tee.

John ist fasziniert vom Zusammenspiel von Mechanik, Elektrotechnik und Informatik, Señor Garcia ist stolz: Zwei hochauflösende Digitalkameras lassen den Roboter seine Umgebung dreidimensional erfassen. Algorithmen koordinieren seine Technik und machen ihn lernfähig. Der Interaktion Mensch-Roboter sind kaum noch Grenzen gesetzt.

John hat eine Idee, möchte den automatischen Butler sofort mitnehmen. Señor Garcia bremst ihn: Die Sprachsteuerung seiner jüngsten Kunstruktion funktioniert bisher nur mit südamerikanischem Spanisch und seine sentiment analysis, die Wahrnehmung der emotionalen Verfassung eines menschlichen Gegenübers, ist ausschließlich an der lateinamerikanischen Kultur orientiert.

John gesteht seinen großen Kummer: Er braucht den Roboter, um seine Liebe zu retten. Diesem Her-zenswunsch kann Señor Garcia nicht widerstehen. Seine mexikanische Assistentin muss eiligst ein Handbuch in englischer Sprache fertigen. Er selbst spielt dem Robot-Diener eine Übersetzungssoftware Englisch-Spanisch auf, damit der seinen neuen Herrn und Administrator überhaupt versteht.

Zum Abschied wünscht Señor Garcia John viel Glück und Erfolg mit Huitzilopochtli, wie er seine vielseitige Schöpfung benannt hat, nach dem aztekischen Gott der Sonne, aber auch des Krieges.
Auf dem Rückflug tauft John seinen elektronischen Sitznachbarn auf den schlichten Namen „Pacemaker“ um und studiert eifrig die Bedienungsanleitung. Deren seltsame Mischung aus amerikanischem, britischem und „spanischem“ Englisch ist nur schwer verständlich.

Trotzdem lässt John die Mensch-Maschine sofort auf seine Messie-Wohnung los. Der Roboter scannt die Umgebung, schließt aus dem haufenförmigen Aufbewahren von Gegenständen, dass es sich um Abfall handelt, stopft alles in Müllsäcke: Schuhe, einen Frack, Pizzakartons. John bringt im letzten Moment einen Stapel wissenschaftlicher Patente und Entwürfe für medizinische Geräte in Sicherheit. Ansonsten lässt John Pacemaker gewähren.

Nach 24 Stunden ist die Wohnung nicht wiederzuerkennen – alles sauber, alles ordentlich. Die Blätter eines vertrockneten Rosenstraußes sind auf dem frischbezogenen Bett ausgestreut.
John ruft Marie an, schwört ihr, dass er sich von Grund auf geändert hat, bittet sie, ihrer Liebe noch eine Chance zu geben. Marie lässt sich erweichen.

John jubelt, sucht aufgeregt im Handbuch, fährt seinen automatischen Gehilfen in den „Sleep“-Modus, versteckt ihn im Abstellraum zwischen Staubsauger und Wäscheständer. Nur eine einsame Leuchtdiode verrät, dass noch Leben in der Mensch-Maschine schlummert. Da klingelt es.
Marie traut ihren Augen nicht: Es sieht aus, als wäre John in eine neue Wohnung gezogen.

Skeptisch fragt sie, was passiert ist. John flüstert ihr wie ein Zauberwort „Huitzilopochtli“ ins Ohr und zieht sie in seine Arme. Da will Marie es nicht mehr genauer wissen, schließt die Augen, gibt sich Johns Zärt-lichkeit hin und sinkt mit ihm auf den Flokati. Beide lassen ihrem Glück und ihrer Erleichterung lauten Lauf.

Bis in den finsteren Abstellraum dringen die seltsamen Laute, in die sich auch Ausrufe in deutscher Sprache mischen. Pacemakers LED beginnt zu blinken. Die deutschen Anteile versteht er nicht. Der Rest wird von seinen auf derartige Ereignisse noch nicht programmierten Sensoren als Kampf analy-siert: Angriff auf den Administrator.

Für diesen Fall sieht der „sleep“-Modus eine Autoaktivierung des Roboters vor, damit er seinem Ad-ministrator zur Hilfe kommen kann. Pacemaker bewegt sich auf die Tür des Abstellraums zu, seine Hand greift nach der Klinke.

Die Liebenden, in inniger Umarmung, befinden sich auf einer amourösen Umlaufbahn jenseits jedes irdischen Ballasts. Sie merken nicht, dass Pacemaker den Raum betritt. Der Roboter versucht mit erhöhter Aktivität aller optischen und akustischen Erfassungsinstrumente die Lage zu analysieren. Der Gesichtsausdruck seines Herrn signalisiert ihm einmal „Große Freude“, dann wieder lässt dessen Mimik auf „Leiden dritten Grades“ schließen.

Seine KI ist für derartige menschliche Interaktion nicht trainiert, sucht einen passenden Algorithmus. Vergebens! Das wilde Hin und Her von Ja- und Nein-Befehlen versetzt den Roboter in spastisches Zittern, ein Systemzusammenbruch droht.

Endlich registrieren seine Kameras eine scheinbar eindeutige Lage: Marie auf John. Sie hat zweifellos die Oberhand gewonnen. John, die Augen geschlossen, scheint in den letzten Zügen zu liegen.

Der Roboter marschiert los, ein gläserner Beistelltisch splittert. Marie fährt erschrocken herum, sieht eine blinkende Mensch-Maschine auf sich zukommen, die in spanischem Englisch kommandiert: „Unterlassen das, Señorita, quick, quick!“

Marie springt auf, halbnackt, will flüchten. John schreckt aus seiner komatösen Glückseligkeit hoch: Pacemaker jagt Marie, John schreit:„Halt! Stop it! Hör auf! Pacemaker! “
Unbeirrt drängt der Roboter Marie in eine Ecke. Sie tritt verzweifelt gegen sein Gehäuse. Der Auto-mat lässt sie nicht entkommen.

John haut ihm einen schweren Kerzenständer auf den Kopf. Aber das Roboter-Gehäuse ist für Stürze aus zwei Metern Höhe ausgelegt. Der Schlag löst nur ohrenbetäubende Mariachi-Musik aus. Marie schreit dagegen an.

John greift sich eine Bodenvase, schüttet das Wasser samt Lilien über den Roboter-Kopf. Der Wasserschwall aktiviert ein Schwimm-Feature. Marie kann dem Roboter entwischen, rafft ihre Kleider zusammen, will aus der Wohnung flüchten. John versucht sie aufzuhalten - vergebens. Doch plötzlich, halb angekleidet, starrt sie mit großen Augen auf das Maschinen-Wesen.

Die Kante des Kerzenleuchters hat einen Haarriss in der Schädeldecke hinterlassen. Wasser ist eingesickert. Die Mensch-Maschine rotiert um die eigene Achse, zuckt unter Kurzschlüssen, sinkt schließ-lich zu Boden, ein Rauchwölkchen steigt aus ihrem Mund, die Mariachi-Schnulze erstirbt.
Der verstörende Anblick der mit dem Systemabsturz ringenden Mensch-Maschine hat die beiden zusammenrücken lassen. John hält Maries Hand, bittet sie, ihm zuzuhören. Sie setzen sich auf die Couch, spärlich bekleidet, von den Ereignissen erschöpft.

Und John erzählt von Señor Garcia und wie er ihn aus lauter Liebe gedrängt hat, ihm den Roboter zu überlassen, obwohl der noch nicht für europäische Kultur und Befehle ausgelegt ist und das englische Handbuch nur improvisiert ist.

Marie ist gerührt von Johns Einsatz für ihre Liebe. Aber warum hat er ihr nicht von Pacemaker erzählt? John windet sich, gesteht, sich zu schämen, dass er es nicht alleine geschafft hat, seine Woh-nung so herzurichten, dass sie ihn wiedersehen will.

Marie verzeiht ihm. Und seinen zweiten Grund versteht sie nur zu gut: Pacemakers Menschenähn-lichkeit kombiniert mit Kameraobjektiven und Mikrofonen war ihm unheimlich: Vielleicht hat Pacemaker alles aufgezeichnet.

Kaum hat Marie das ausgesprochen, zuckt und knarzt der Roboter und gibt einen kurzen Ausschnitt der Geräusche wieder, die seinen Einsatz ausgelöst haben. Dann ist wieder Stille.

Wütend will John den Roboter aus dem Fenster werfen. Marie, praktisch veranlagt, hat eine bessere Idee: Señor Garcia könnte den Roboter reparieren, ihn für die deutsche Sprache einrichten und ihm - gerne mit ihrer beider Hilfe - auch die korrekte Interpretation gewisser Ereignisse beibringen.

Und dann soll John einen Fachübersetzer die Betriebsanleitung aus dem mexikanischen Spanisch in verständliches britisches Englisch übersetzen lassen. Oder besser gleich ins Deutsche. Dann könnten sie den dienstbaren Geist problemlos nutzen und hätten Zeit für Schöneres als Aufräumen.
John bewundert die Klugheit seiner Liebsten, deckt die Sensoren des verreckten Roboters mit einer Decke zu und fängt schon mal mit dem Schönen an. Für alle Fälle leise.

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